Über Alex

Im Hauptberuf Anwalt und trotzdem kulturell interessiert. Unterwegs nicht nur am Schöneberger Gasometer. Gernhörer und immer auf der Suche nach interessanten und handwerklich gut gemachten Alben aus Pop, Jazz und Rockmusik. Mein besonderes Interesse gilt der Vocal- und Acapella-Musik. Manchmal lese ich auch oder so...

RBB verursacht Gaslaternen-Wirrnis

Torgauer Straße mit Nebel und Gaslaterne

Schon lange wundert mich bei der RBB-Abendschau nichts mehr: Da werden profitgierige Denkmal-Durchlöcherer wie Gasometer-Müller wie auf Bestellung für einen Werbefilm als Gurus der Immobilienwirtschaft abgefeiert, während der Schöneberger Gasometer weiter unsaniert und mit unsinniger Leuchtwerbung vor sich hin rostet.

Jack The Ripper mordete im Licht der Londoner Gaslaternen und in der Torgauer Straße gab es das in der vergangenen Woche in ähnlicher Form zu sehen. Und jetzt berichtet die Abendschau über den Umgang mit Berliner Gaslaternen, dass mehr Fragen offen bleiben als zuvor.

Sollen die Gaslaternen wirklich “verschwinden” oder handelt es sich bei den Exemplaren etwa in der Torgauer Straße nicht nur um Erprobungen für eine Umrüstung auf Strom als Energieträger. Ist es wirklich so, dass die elektrisch betriebenen Laternen “dunkler” sind, wie der Passant im Bericht bemerkt haben will?

Ein wirrer Bericht, ein unklares Anliegen: Nicht die Gaslaternen sollen verschwinden, sondern deren Glühstrümpfe und Gaszufuhr, oder? Warum braucht es Heizgas in der Laterne, wenn Lichtfarbe und Lichtstärke sich mit herkömmlicher LED- oder anderer Lampentechnik auch energieschonender und kostengünstiger erzeugen lassen? Frage ich mich als echter Gaslaternen-Fan und wünsche mir nicht nur hier etwas mehr als unzureichend recherchierte und faktenfreie 3-Minuten Schnippsel vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Franz-Josef Degenhardt

Gestern ist mit FJD einer der großen deutschen Liedermacher der 68er Generation gestorben. Groß geworden mit der Protestbewegung der der 60er Jahre. Gehört von meinen Eltern und vielen ihrer Altersgenossen. Angefeindet wegen seiner “strammen” politischen Haltung und seiner drastischen Texte.

Er hat mit dem Song- und Buchtitel “Spiel nicht mit den Schmuddelkindern” ein neues Wort gefunden und mit vielen anderen drastischen, derben und eingängigen Texten und sprachlichen Bildern immer wieder unsentimental und direkt Dinge auf den Punkt gebracht. Sein Lied von P.T. dem Apachen beispielsweise – ein Thema, eingängige sprachliche Bilder, viel Witz – als ich das mit etwa 6 Jahren das erste Mal hörte, konnte ich immer wieder über die reparierten Betten, die missglückte Durchsuchung des Puffs und die geglückte Flucht schmunzeln. Und die rote Rita beschäftigte den kleinen Jungen natürlich auch immer wieder. Comics mit Tiefe.

Ebenso direkt und zart konnte FJD aber auch über die alten Paare auf den Bänken singen. Derber und praller als der ihm durchaus verwandte andere deutsche Chansonnier Reinhard Mey (mit dem er musikalisch sehr viel gemeinsam hatte) oder der DKP-Genosse Hannes Wader, aber eben auf seine Art:

Niemand wird behaupten, er habe täglich FJD gehört. Und niemand wird behaupten, dieser Liedermacher habe ihn oder sie gleichgültig gelassen oder sei uninteressant. Mehr kann sich ein Künstler kaum wünschen.

RIP, Franz-Josef.

Joni Mitchell’s Blue in Gold

Ein guter Freund hat mir das Album von Joni Mitchell “Blue” (1971) geschenkt. Aber die ultimative, die Gold-CD – direkt abgenommen vom Masterband, das der damalige Toningenieur1 schon als gelungene Aufnahme aus der frühen Transistor-Ära bezeichnete. Recht hatte er.

Wie großartig die Musik ist, wusste ich schon immer und habe das schon mal bei Amazon.de beschrieben. Aber was für ein perfekter Sound. Ich habe dieses Album zig mal gehört, von der griechischen Strandtaverne (vom Cassettenrekorder) über Vinyl (mit und ohne Hifi) bis hin zur “normalen” CD von meiner Anlage. Es hörte sich immer gut, ausgewogen und musikalisch an, selbst die teilweise fledermausartig hohen Gesänge Joni’s. Warm klingende (!) Stahlsaiten, der harte Anschlag des Dulcimers, harmonische Bässe, das dumpfe Plockern der Percussions – “All I Want”, der Opener ist musikalisch und aufnahmetechnisch kaum zu übertreffen. Und die nicht wenigen Menschen, welche Mitchell’s Stimme gerade auf diesem Album unangenehm finden, sollen sich einfach von einem guten Freund diese Pressung schenken lassen oder das alte Vinyl aus dem Schrank holen. Gute Freunde muss man haben :-)

Rating: ★★★★★ DR = 11

Und wer sich fragen sollte, was ein Dulcimer ist, sieht das hier: Carey ist der dritte Titel von diesem Ausnahmealbum.

 

  1. Steve Hoffman []

Fritz Lang “M” – ein Film, der alle Filme ist

Eben in unserem Heimkino: “M” – ein schwarzweißes Meisterwerk von Fritz Lang aus dem Jahr 1931.

Jeder hat davon gehört, die meisten ihn nie ganz gesehen. Lohnt sich aber:

Beklemmend und witzig, unglaublich durchdacht. Es stimmt und fasziniert fast jede Einstellung. Und der Film hat Alles: Grusel, Krimi, derbe Komödie, Metapher (zwei unterschiedliche Gesellschaften mit gleichen Methoden, die Verfolgung Andersartiger), Lokalkolorit (Berlin mit Kneipe und Straße) und zuletzt gibt es großes “Court Drama” mit offenem Ende und Appell an die Menschlichkeit. Und diese trickreichen Einstellungen. Lange Kamerafahrten, skurrile Details (Einbruchswerkzeuge, hunderte von Rauchartikeln) – da gibt es immer wieder was zu entdecken. Die Statisten bewegen sich mit der Grazie von Tänzern. Jede Nebenrolle bestens besetzt. Der damals noch junge Gustav Gründgens unglaublich physisch und bedrohlich als der “Schränker”. Mio – großes Kino!

Chucho’s Steps – Jazz the Cuban Way

Durch Zufall bin ich auf das großartige Album

Chucho S Steps Rating: ★★★★½

gestoßen. Der 70jährige Valdes hat wie viele berühmte Musiker seines Landes Jazz gelernt, als Kuba das amerikanische Vergnügungsviertel war und es viel Arbeit für Musiker gab. Seine technische Brillianz wird mit Oscar Peterson verglichen. Aber anders als jener lässt Chucho Luft und Platz zwischen den Noten – der späte Miles Davis lässt zum Beispiel in “Julian” grüßen.

Sein Spiel ist funky, komplex und originell. Er integriert die vielfältigen Rhythmen Kubas in modernen Jazz. Er spielt überragend funky etwa in seiner Hommage an die Marsalis Family “New Orleans” und zerhackt/rekonstruiert Joe Zawinul’s Hit “Birdland” so gekonnt, dass sich die oft lustlos abgenudelten Themen dieses wunderbaren Titels sich ganz langsam in das Gehör der Zuhörer winden. Es bleibt dabei immer entspannt und virtuos und … kurzweilig.

Weltmusik und Crossover im besten Sinne – große Musik!

Rating: ★★★★☆ DR = 10

Can’t Make You Love Me

“I can’t make you love me” von Bonnie Raitt ist -wer langsamste Balladen mag- ein Song für die Ewigkeit. Und im Original bereits überirdisch. Umso mehr überrascht mich Bon Iver mit dieser Version – offiziell gut geheißen von Bonnie herself:

Und weil ich gestern den Film “Leonard Cohen – I’m Your Man” ausschalten musste, weil ein Haufen minder talentierter Menschen mit und ohne Bart sich durch das Werk von Lennie quälten (und mich gleich mit) ist diese Coverversion der Trost.

Was eine interessante Stimme. Wie er die Obertöne des Klaviers einfach mitklingen lässt. Wieviel Zeit er sich nimmt. Großartig, Honey!

Bestmögliche Begleitung trifft Langsamkeit

Dies ist mit Sicherheit ein schönes Stück Musik schon wegen der grandiosen Begleitung. Als Folksongs begeistern mich die Interpretationen von Gillian Welch

Rating: ★★★½☆

jedoch nicht.

Hoch gelobt in der Presse reißt mich bei diesem Album eigentlich nur das perfekte Zusammenspiel von akustischer Gitarrenbegleitung und Gesang vom Hocker. David Rawlings begleitet so unaufgeregt, seine Tempi sind so fließend und seine Übergänge so Weiterlesen

Alienpartei dabei

GreenAlien

Rechtzeitig vor den Berliner Abgeordnetenhauswahlen stellt sich an der Julius-Leber Brücke in Berlin Schöneberg ein Kandidat der Alienpartei vor. Während Cem Özdemir (Grüne) dem Vernehmen nach nur zu einem Kurzbesuch von wenigen Minuten Dauer an diesem Ort einfliegen wird, ist dieser Kandidat schon wesentlich länger präsent. In leuchtenden Grüntönen wirbt er/sie/es Tag und Nacht für das einzige politische Ziel der Aliens: Verbot der Außenwerbung im Stadtbild und sofortige Entfernung der Leuchtwerbung am Schöneberger Gasometer.

Ernst zu nehmende Parteienforscher sagen den “UGA” (unabhängige Green Aliens) Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich voraus. Über mögliche Koalitionsoptionen wollen die aufstrebenden Politiker derzeit noch nicht reden. Wie viel man mit unklaren Koalitionsaussagen und “ich will Bürgermeister werden” Parolen beim Wähler falsch machen kann, sei derzeit in Berlin bei anderen Parteien oft genug zu bewundern, sagte die Spitzenkandidatin der Aliens.

Mit Bluegrass zur Unsterblichkeit

Ein ehrgeiziges Projekt verfolgte Steve Earle hier: Mit einem einzigen Bluegrass Album zur musikalischen Unsterblichkeit. Bluegrass ist überschaubar und der Versuch gelang mit

The Mountain

Rating: ★★★★½ DR = 7

1999 und mit ausschließlich eigenen Songs ohne Probleme. Mit der Del McCoury Band und so grandiosen Musikern wie Sam Bush (Fiddle) lässt es Earle von Anfang bis Ende krachen und schmalzen. Rau, erdig, manchmal richtig roh wie beim stampfenden Irish-Folk von

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Half the Perfect World

… ist der Titel des immerhin 4. Albums von Madeleine Peyroux. Und wie die Sängerin auf dem Cover (Blick in die Ferne, die klassische Pose der Melancholie) erscheinen auch die Titel. Meist langsam, immer leise und bis auf eine fette Orgel akustisch begleitet singt Peyroux Material von Leonard Cohen (einem anderen Experten für Melancholie), Chaplin und das wunderbare “River” von Joni Mitchell zusammen mit K.D. Lang in einer Version, die so langsam, so verträumt wirkt wie ein ganz langsamer blauer Alptraum.

Half the Perfect World

Man mag das langweilig oder zu verhalten finden. Ich jedenfalls bewundere den Weiterlesen

Willy is gone

Willy DeVille hat mich immer wieder fasziniert. Das Pathos, die Originalität und die Tiefe – seit dem Erstling seiner früheren Band Mink DeVille finden seine Titel immer wieder mein Ohr. Und heute beim Bügeln fasziniert eines seiner letzten Alben

mich so, dass die Wäsche liegen bleibt. Allein schon der Titel “Muddy Waters rose…” – das ist wirklich Post-Blues und PostvonAllem. Und kurz danach “Slave To Love”: Von Schmalzlocke Brian Ferry hätte ich das nie hören wollen, aber hier ist es verzweifelt und düster. Verschleppte südamerikanische Rhythmen, trashige Schepper-Drums und knarzige Vocals – aber Willy lebt nicht mehr. Er starb im August 2009.

You run your mouth (and i run my business)

…. brother. Herzlicher als in diesem uralten Swing-Titel können Brüder kaum miteinander umgehen. Joe Jackson hat auf seinem immer wieder schönen Album

mit einer kernigen Band und vielen Bläsern den Swing der 40er Jahre wieder auferstehen lassen. Wer Swing für eine langweilige Sache hält, wird hier eines Besseren belehrt:

Wilder Swing-Punk und sehr unterhaltsam: Rasende, komplizierte Bläsersätze (mit auch exotischen Bläsern wie Bassklarinette, Tuba, French Horn), witziger Text, schnelles Tempo und damit ganz im Stil der 40er Jahre, wenn es denn damals Punker gegeben hätte.

Fast jeder Song hat Ohrwurmqualitäten. Es handelt sich um Standards, wie etwas das viel gespielte “Tuxedo Junction”, aber die Interpretation ist außergewöhnlich. Die Bläser spielen in rasendem Tempo um die Wette, teilweise nur noch von der sehr präzisen Rhythmusgruppe um Graham Maby zusammen gehalten. Und dadurch kommt nie die gepflegte Langeweile auf wie bei vielen genretypischen Aufnahmen aus dem Swingbereich. Robby Williams und alle Möchtegern-Crooner drehen sich im Grabe um, wenn sie JJ schmalzen, scatten und croonen hören. Toll sowohl für Pop, als auch für Jazz-Freunde. Und ein aufmunternder Partykracher sowieso.

Ry Cooder lebt ohne Auto

Ry Cooder (from: http://www.rycooderstuff.co.uk/)

Ry Cooder ist vielleicht -abgesehen von Eddie van Halen- der einflussreichste amerikanische Gitarrist der letzten 40 Jahre. Einflussreich, weil er das Blues-Revival mit seinen zahllosen Versionen uralter Titel des amerikanischen Songbooks einleitete. Einflussreich, weil er als Sessiongitarrist viele großartige Produktionen (unter anderem der Rolling Stones) prägte. Weil er im Film “Crossroads” für einen glaubwürdigen Soundtrack sorgte, der direkt aus dem Delta zu kommen schien. Weil er mit “Little Village” die beste “Supergroup” der 80er formte. Und mit “Buena Vista Social Club” die Welt wieder mal darauf aufmerksam machte, dass es außerhalb der internationalen Hitparaden auch noch andere Musikstile und Musiker gibt, welche die Seele zum Schwingen bringen. Weiterlesen