Honest Work (Todd Rundgren, Acapella 1985)

Ein Weihnachtslied der anderen Art. Todd Rundgren brachte mit Acapella (1985) ein bizarres, faszinierendes Album heraus. Acapella – nur mit der eigenen Stimme und Tonnen elektronischer Effekte. Brilliante Arrangements, Songs wie ein Kaleidoskop von Pop und Gospel, abwechslungsreich, rau und direkt wie kein anderes Album dieser Art. Was soll ich sagen, lest den Review oder hört Euch das Album an, auf dem auch solche Perlen wie “Pretending To Care” enthalten sind.

Und ganz am Ende dieses Albums kommt mit “Honest Work” ein kleines Lied über (keine) Arbeit und Hoffnungslosigkeit – dreistimmig, einfach und anrührend. Dieses war mein Weihnachtslied 2009 – live unter dem Weihnachtsbaum. Hier ausnahmsweise mal in zwei Versionen. Die erste ist authentisch – der Meister selbst live bei der Tour nach Erscheinen des Albums:

Die zweite Version ist die Studiofassung mit dem Plattencover:

Listen to the words.

Good Morning, Trio (Emmylou Harris, Linda Ronstadt, Dolly Parton)

Das Projekt Trio der drei großen Damen des Country war ebenso außergewöhnlich wie einmalig. Drei doch sehr unterschiedliche Künstlerinnen tun sich zu einem akustisch begleiteten Gesangstrio zusammen, bei dem jede Künstlerin Songmaterial und Lead-Stimme beisteuert. Das ganz begleitet von den besten akustischen Musikern der damaligen Zeit. Durch die wirklich sehr unterschiedlichen Stimmen der Drei und auch das sehr breit gefächerte Songmaterial entstand daraus mit dem Album Trio
eins der besten Country-Alben aller Zeiten. Zeitlos, modern und mit Interpretationen, die jede für sich so gekonnt, einfühlsam und angemessen daher kommen wie ein kleine schöne Perlen.

Das Nachfolgealbum Trio II war dann nicht mehr ganz so überragend in meinen Augen, obwohl die Damen weiterhin nichts von Ihren überragenden Fähigkeiten eingebüßt hatten.

Sehr schön zu sehen auf diesem uralten Video – die immer wieder überragende Linda Ronstadt singt die Wolken herunter und wird dabei begleitet von einer sehr reserviert-vollbusigen Dolly Parton, einer geradzu ergriffen sich zurückhaltenden Emmylou Harris und im Hintergrund schwingt Sam Bush die Mandoline zusammen mit einigen dezenten Herren, die gekonnt die Saiteninstrumente bedienen.

Ist doch ergreifend, oder?

Jeff Beck Group – Truth (1968)

Kunst mit Können – Rau, laut und zart
Das großartige Erstlingsalbum von Jeff Beck, Truth (1968) ist mit einem Remastering wieder als CD im Handel. Als Vinyl ist dies einer der Schätze meiner Plattensammlung und darf jetzt also noch einmal gekauft werden.

Jeff Beck macht schon sein musikalisches Leben lang (und auch noch heute mit über 60 Jahren) Experimente im Grenzbereich von Hard-Rock, Metal, Jazz, Elektronik und Blues. Dieses Debütalbum aus dem Jahre 1968 ist zwar heute manchmal anstrengend zu hören, weil recht experimentell. Nimmt aber Heavy Metal und Hard Rock (was es damals eigentlich ja noch nicht gab) souverän vorweg. Und bleibt dadurch spannend für immer.

Rod Steward, der später auf belanglose Schlager umschwenkte, gibt hier die energische Rock-Röhre. Eine ganz harte, präzise Rhythmusgruppe (Ron Wood bass, Micky Waller drums) prügelt die Songs zusammen, als ob sie die Band Living Colour vorweg nehmen wollen. Und das zarte Greensleeves (Folk) kommt ebenso anrührend rüber wie der von einer ultra-tiefen Orgel effektvoll in Szene gesetzte Standard “O’l Man River” wo Rod Steward eindrucksvoll zeigt, was er singen kann, wenn man ihm sagt, was er singen soll. Jeff Beck hatte vor 40 Jahren vielleicht noch nicht die Virtuosität und den tonnenschweren Ausdruck wie heute mit 60 Lebensjahren etwa auf seinem großartigen Live-Set Jeff Beck – Performing This Week…: Live At Ronnie Scoots. Aber die Härte und Zartheit dieses Album, die Ernsthaftigkeit und der schöne Gesang von Rod Steward sorgen für Gänsehaut.

Ein beeindruckendes Album. Ein Meilenstein, wo keiner der Songs nach fast 40 Jahren langweilig oder überholt wirkt. Man muss allerdings den Klang eines voll aufgedrehten Gitarrenverstärkers vertragen.

Rating: ★★★★★

Und wer dadurch auf den Geschmack gekommen ist, hört sich in das spätere Werk von Jeff Beck ein. Ich sage nur: Es lohnt sich. (Fast) ohne Ausnahme.

Starfish and Coffee – Sign O’ The Times (Prince, 1987)

Das Portal Allmusic.com featured heute das wunderbare Album Sign O’ The Times von Prince als “Album Of The Day” – Yessss!

In “Starfish And Coffee”, einer vertrackten kleinen Ballade, die im wesentlichen mit einem kleinen Roland-Sampler der Einsteigerklasse eingespielt wurde (leicht zu erkennen am schrillen Telefonklingeln) heißt es dort:

First came Kevin, then came Lucy, third in line was me.
All of us were ordinary, compared to Cynthia Rose.
She always stood  at the back of the line
A smile beneath her nose
Her favorite number was 20 and every single day
If u asked her what she had 4 breakfast
This is what shed say
Starfish and coffee
Maple syrup and jam
Butterscotch clouds, a tangerine
And a side order of ham
If u set your mind free, baby
Maybe youd understand
Starfish and coffee
Maple syrup and jam

Jawoll. Das musste doch mal gesagt werden. Bei mir hilft immer eine gute Marmelade. Zweiundzwanzig Jahre ist dieses Album alt. Aber die Reihe in der Schule gibt es immer noch.

Lyle Lovett – Pontiac (1987)

Meisterwerk zwischen den Stühlen

Lyle Lovett veröffentlichte mit Pontiac 1987 erst sein zweites Album und bestätigte damit endgültig, dass er zu den ganz großen Songwritern gehört. Der bissige Witz (M-O-N-E-Y), die zarte Romantik ohne jede Sentimentalität (If I Had A Boat), auch einmal harte Worte über die Frau zu ganz schwerem Swing (She’s No Lady) – jedes Lied findet sofort seine Stimmung, ist unverwechselbar und musikalisch feinste Arbeit.

Verblüffend auch die musikalische Vielfalt. Es beginnt mit klassischem Modern-Country und wandert danach durch Gospel und Swing: Große Ballade (der Opener und I Loved You Yesterday), vertrackter Gospel (Money), schwerstmöglicher, geradezu waffenscheinpflichtiger Swing mit wunderbaren Bläsern (She’s No Lady, She’s Hot To Go). Kein einziger Füller, kein schwacher Song dabei.

Das Album sitzt entspannt zwischen den Stühlen. Fast unnötig zu erwähnen die sehr hochwertige Produktion mit einem feinen Sound – Lovett macht das immer so. Viele halten dieses für das beste Album von Lovett. Das ist nicht ganz falsch, tut jedoch den übrigen Werken Unrecht – von den ersten 6 Alben Lovetts ist jedes unbedingt hörenswert und gelungen.

Miles Davis + Band: Die Philharmonie kochte

Als Miles Davis und seine neu formierte Band (mit Herbie Hancock, Tony Williams, Ron Carter und Wayne Shorter) 1964 in der Philharmonie auftraten, dampfte wahrscheinlich die Luft. So hitzig, so funky und gleichzeitig so unterkühlt wie auf hörte ich zuvor von keinem anderen Musiker und keiner anderen Band Jazz.

Tony Williams sorgt für einen so drückenden Groove auf dem felsenfesten Fundament des monströs fetten Kontrabass von Ron Carter. Herbie Hancock spielt links funky und rechts komplex – so eine Mischung aus Hot und Cool hat es vor 1964 nicht gegeben. Wenn es eine musikalische Überleitung vom klassischen Cool-Jazz zur modernen Musik und dem Jazzrock gibt, hier ist sie. Und die Philharmonie sorgt für einen wirklich angenehmen, “holzigen” Sound, bei dem wir jedes Instrument an der richtigen Stelle hören – ein Meilenstein der modernen Musik.

Rating: ★★★★★

Retro-Soul-Rock vom Meister der Latino-Ballade


Rating: ★★★★½
Willy DeVille hatte sich seit dem Debütalbum seiner Band Mink DeVille als der ultimative King der Ballade etabliert. Romantischer, männlicher, verletzter und theatralischer klang davor und danach kaum ein anderer. Nach den ersten drei Alben wechselte die Band zum Label Atlantic, bekam mit Jack Nitzsche einen erfahrenen Produzenten und heraus kam:

Eine härtere Gangart. Saxophone und eine sehr präzise rockende Band untermalen DeVille als romantischen Rocker. Keyboards und Akkordeon umrahmen den energetischen Gesang DeVilles. Schwere Drums und altmodisch zerrende Gitarren, auch Marimbas sorgen für bodenständigen Groove.

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Neville Brothers – Best Sound by Daniel Lanois


Die Neville-Brothers haben Aaron Neville, eine der auffälligsten Stimmen des Soul und sie hatten für ihre überragenden Alben “Yellow Moon” und “Brothers Keeper” Daniel Lanois als Produzenten. Und der sorgte für einen unglaublichen Sound: Hallfahnen, die traurig mit dem Saxofon verwehen, Delays, die den Rhythmus mit bestimmen, Gitarren, die so scharf und sahnig klingen, als wäre die Endstufenröhre des Fender-Amp direkt an das Gehirn des Hörers angeschlossen. Interessanter, abwechslungsreicher und markanter kann Soul-Pop kaum klingen. Die Zusammenstellung ist gelungen. Wer nicht “Yellow Moon” – ein Ausnahmealbum – im Regal hat, wird mit diesem Sampler sicher glücklich.
Rating: ★★★★☆

Frauenpower pur – Motown von Patti Labelle und Laura Nyro


Rating: ★★★★½

Dieses Album beginnt mit einem der ungewöhnlichsten Vokalarrangements: “I Met Him On Sunday” ein alter Motown-Hit der Shirelles, wird von 4 sehr unterschiedlichen, sehr kraftvollen Frauenstimmen gesungen wie von einer Doowop-Gruppe – jede Frau singt eine Zeile. Eine rhythmisch präzise Begleitgruppe füllt den Sound etwas auf – die Fröhlichkeit und musikalische Begeisterung der Sängerinnen springen sofort auf jeden Hörer über.

Die aufstrebende Singer/Songwriterin Laura Nyro, später bekannt geworden mit ihren sehr experimentellen Alben und Labelle, eine zu diesem Zeitpunkt schon eher stagnierende Gesangsgruppe um Patti Labelle und Nona Hendryx fanden sich 1971 unter etwas merkwürdigen Umständen zu dieser Produktion zusammen. Tagelang saßen die vier Frauen im Studio und probten, ohne eine Note aufzunehmen. Erst kurz vor Ultimo, quasi “One-Take” entstand dieses ungewöhnliche Album. Die Frische des Gesangs, die zupackenden Arrangements, die hörbare Heiterkeit der Musikerinnen und deren fantastische Stimmen sorgen für Gänsehaut und Überraschung beim Hörer. Begeisterung für die Hits der eigenen Kindheit und der Background der 4 Sängerinnen als Doowop-Straßenmusikerinnen werden hörbar und sorgen für ein Ausnahmealbum.

Die Neville Brothers im Klangrausch von Daniel Lanois

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Rating: ★★★★★

Die Neville-Brothers mixen Reggae, Funk, R&B und Soul zu einer interessanten abwechslungsreichen Mixtur. Gekonnter Gesang, ob nun einstimmig wie in dem unglaublichen “Yellow Moon” von Aaron Neville mit seiner hohen weichen Stimmer oder als Satzgesang – es klingt immer ebenso elegant wie urwüchsig.

Zu einem Ausnahmealbum wird dies aber erst durch die überragende Produktion von Daniel Lanois mit Hilfe seines alten Mitstreiters Brian Eno: Wie hier ein wunderbar durchsichtiger, angenehmer Sound mit ausgefallenen Delay- und Halleffekten kombiniert wird, wie die Gesangsstimmen und einsam wehendes Saxophon per Hallfahne auch in den Rhythmus eingebunden werden – das hört sich einfach unglaublich an und ist einfach ein perfekter Mix. Ausschließlich mit analogem Equipment aufgenommen, ist dies eine Klangperle ohnegleichen. So und nicht anders wünscht man sich viele andere Produktionen.

Aztec Camera – rasante Gitarren und etwas Melancholie

Rating: ★★★★★

Dieses Album erschien 1983 und ließ mich bis heute nie los. Ein überragendes Pop-Album, zeitlos, elegant und mit viel Stimmung. Roddy Frame, der Mastermind und Singer Songwriter präsentiert hier mit seiner Band melancholischen Folk-Pop mit teilweise sehr extravaganten Gitarrenparts.

Schon der rasante Opener “Oblivious” zeigt, wo es langgeht: Vertrackte Rhythmen und Harmonieren zu sehr eingängigen und poppigen Melodien, die mit fast traurigem Gesang kombiniert werden.

Roddy Frame ist ein ganz origineller Gitarrist. Ohne große Soundspielereien, dafür aber mit viel Druck und reich an Abwechslungen spielt er wie eine Mischung aus Joe Pass und Stevie Ray Vaughan. Und die Songs haben wirklich große Klasse: “Walk Out To Winter” überzeugt mit einer bestechenden Hookline und rasantem Zusammenspiel der Band. Ähnlich kommt das melancholische “We Could Send Letters” daher. In “Release” driftet Frame sehr gekonnt in feinste Melancholie zur gepflegten Gitarrenbegleitung ab, um bald danach mit dem hymnischen “Back On Board” das Album drei Songs vor Ende abzuschließen.

Ein Album mit sehr viel Langzeitwert durch die rauen, unverwechselbaren und vertrackten Songs.

Yazoo – You And Me Both (1983)

Highlight vom Mozart der Synthies Vince Clarke und der großen Alison Moyet


Rating: ★★★★★

Ein herausragendes Album in der Sparte Pop/Elektronik der 80er Jahre, die wirklich nicht arm waren an Duo-Projekten dieser Art. Nicht nur eine Folge von Hits, sondern sehr anspruchsvolle und streng durchkomponierte und extrem fantasievolle Musik von Vincent Clarke, der die damals noch recht beschränkten Möglichkeiten der Elektronik voll ausreizte und in einem Interview bekannte, niemals dasselbe Pattern (eine kleine abgespeicherte Phrase) zwei Mal zu verwenden – das hört man:

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Randy Newman – Sail Away (1972)

Randy Newman, der intellektuelle Zickendraht zeigt es Allen,

Rating: ★★★★★

…. mit diesem ungewöhnlichen Studioalbum aus dem Jahr 1972: Vertrackte, bösartige Texte, die sich keinesfalls um Liebe oder ähnlich einfache Dinge drehen dürften. Satire, bösartige Ironie und Bitternis verpackt in kleine kunstvolle Pop-Opern.

“Sail Away” beispielsweise trieft geradezu vor süßlicher Musikromantik und handelt doch nur Sklavenhandel und Vietnamkrieg ab. Ebenso bösartig und gewollt naiv klagt der Künstler über die Höhe des Startums (“Lonely At The Top”) und ganz am Ende kommt mit “You Can Leave Your Hat On” einer der treibendsten, sexiesten und spannendsten langsamen Rocksongs aller Zeiten. Newman gebraucht diese fantastische Musik eigentlich nur dazu, ein seltsames Beziehungsspiel darzustellen. Und doch wurde dieser überragende Song in der lahmen Interpretation von Joe Cocker (der ja nichts von Ironie versteht) ein Welthit und seitdem auf jeder einschlägigen Veranstaltung gespielt.

Dieses Album ist völlig zeitlos und geradezu ein Klassiker der anspruchsvollen Rockmusik.

Jennifer Warnes – Hunter (1993)

Traumhafte Stimme, großartiger Sound und bunt gemischtes Songmaterial,
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Rating: ★★★★½

Jennifer Warnes ist eine dieser ganz großen Sängerinnen, die mit ihrer Stimme fast Alles können: Säuseln, raunen, schluchzen aber auch strahlend laut und hoch druckvoll singen. Sie wurde berühmt durch ihre Arbeiten für Hollywood-Filme (“Up Where We Belong” mit Joe Cocker verkaufte Platin und brachte den Oscar) und veröffentlichte im Verlaufe ihrer 40jährigen Karriere relativ wenige eigene Alben.

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Paul Butterfield Blues Band (1965)

Meilenstein des “Großstadtblues” und virtuose Vorlage für jede Bluesband,
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Rating: ★★★★★

Die Paul Butterfield Blues Band aus Chicago spielte mit diesem Album vor 42 Jahren (!) einen Meilenstein des Blues-Rock ein und lieferte damit eine Vorlage für unzählige spätere Bands von den Blues Brothers über Clapton, Yardbirds bis hin zu zahllosen Kneipenmuckern, welche die genialen Riffs von Mike Bloomfield an der Gitarre und die harte, präzise Rhythmusarbeit zum Teil 1:1 heute noch kopieren.

Der moderne, klare Sound von Telecaster und Mundharmonika, die sparsamen und treibenden Drums, der beseelte Gesang von Paul Butterfield und über allem eine Mundharmonika vor dem Herren – eine so exzellente Band hört man immer wieder gern. Eine gelungene Zusammenstellung von Eigenkompositionen von Butterfield/Bloomfield und bekannte Titel wie “Mojo Working” u.a. von bekannten Blues Interpreten wird so treibend und mit so viel Virtuosität eingespielt, dass es trotz des historischen, etwas höhenarmen Sounds die helle Freude ist. Ein Muss für jede Sammlung. Und klingt besser als 90 % der späteren Bands in diesem Bereich.